Ein weiterer typischer Fehler ist das Sägen über Kopf oder in seitlicher Verdrehung. Beide Bewegungen verkürzen die effektive Reichweite und erhöhen die Kraft, die auf die Leiter wirkt. Wer den Schnitt nicht mit geradem Oberkörper und ohne Verdrehung erreicht, sollte den Standort wechseln. Das gilt auch für das Nachführen der Säge: Ein kurzer Kontrollblick auf die Sprosse, auf der die Füße stehen, zeigt sofort, ob der Stand noch sicher ist.
Ein häufiger Fehler ist der Rückschnitt des gesamten Baumes auf einmal. Wer mehr als ein Viertel der Blattmasse entfernt, zwingt die Kirsche zu hastigem Neutrieb, der im Folgejahr kaum Blütenknospen ansetzt. Besser ist es, über zwei bis drei Jahre verteilt zu arbeiten. Ebenfalls falsch: das Einkürzen der Spitzen aller Langtriebe. Dadurch entstehen viele dünne, nach oben strebende Triebe, die keine Früchte tragen und die Krone unnötig verdichten.
Die richtige Schnittführung orientiert sich an zwei Merkmalen: dem sichtbaren Wulst und der Borkenkante. Der Schnitt setzt außen leicht oberhalb der Wulst an und läuft innen knapp an der Stammachse aus, ohne den Wulst zu verletzen. So bleibt die Überwallungszone intakt und die Wunde ist möglichst klein. Bei starken Ästen führt man zuerst einen Entlastungsschnitt von unten aus, etwa eine Handbreit vom Stamm entfernt, und setzt danach den eigentlichen Schnitt von oben an. Sonst reißt das Eigengewicht den Ast ab und zieht einen langen Rindenzipfel in den Stamm hinein.
Typische Fehler wiederholen sich: der Schnitt mitten durch den Wulst, der zu weit außen gesetzte Stummel, das Abreißen langer Rindenstreifen, das Arbeiten mit stumpfem Werkzeug, das Abschneiden im Hochsommer bei großer Hitze. Auch das gleichzeitige Entfernen zu vieler starker Äste überfordert den Baum und öffnet mehrere große Wunden auf einmal. Besser ist es, über zwei oder drei Jahre verteilt zu schneiden, damit der Baum jede Wunde einzeln abschotten kann.
Werkzeug und Zeitpunkt entscheiden mit. Eine scharfe Säge mit grober Zahnung für starke Äste, eine Astschere für schwache, dünne Äste nur mit scharfer Klinge. Quetschungen und ausgefranste Ränder heilen deutlich langsamer als glatte Schnittflächen. Geschnitten wird am besten im Spätwinter oder zeitigen Frühjahr, kurz vor dem Austrieb, wenn der Baum Reservestoffe mobilisieren kann. Bei stark blutenden Arten wie Birke oder Ahorn wartet man bis nach dem Laubaustrieb, sonst läuft der Saft unnötig aus. Wundverschlussmittel sind bei korrektem Schnitt an der Wulst überflüssig; sie halten Feuchtigkeit ein und können Fäulnis begünstigen.
Ein Ast wird nicht beliebig am Stamm abgeschnitten. Die Stelle, an der das Holz den Stamm verlässt, bildet eine Verdickung: den Astring, auch Astwulst genannt. In diesem Wulst liegen teilungsfähige Zellen, die nach einem sauberen Schnitt eine Abschottungsschicht gegen Fäulnis bilden und die Wunde überwallen. Wer mitten durch den Astring schneidet, zerstört genau diesen Gewebering. Wer dagegen zu weit außen sägt und einen Stummel stehen lässt, lässt totes Holz zurück, in dem Pilze und Bakterien jahrelang arbeiten.
Wer auf einer Leiter steht und mit einer Säge arbeitet, neigt dazu, sich instinktiv zur Schnittstelle zu lehnen. Der Körper folgt dem Werkzeug, nicht umgekehrt. Genau darin liegt die häufigste Unfallursache: Die Leiter bleibt stabil, der Mensch verliert die Balance, weil der Schwerpunkt außerhalb der Standfläche wandert. Ein sicherer Stand beginnt deshalb nicht mit der Leiter, sondern mit der Planung des Schnitts.
Zuerst die Wunde prüfen: Liegt sie in einer Hautfalte, an der Ferse oder unter einem Druckverband? Dann die Auflage wählen. Ein saugfähiger Wundverband mit Gel- oder Schaumstoffkern nimmt Exsudat auf und gibt Feuchtigkeit gleichmäßig ab. Bei stark nässenden Wunden reicht eine dünne Kompresse nicht. Sie muss das Sekret aufnehmen, ohne am Wundgrund festzukleben. Trockene Wunden dagegen brauchen keinen saugenden Verband, sondern Schutz vor Austrocknung.
Ein zweiter typischer Fehler ist das Zählen nach Gefühl. Wer nur schätzt, liegt schnell um 20 bis 30 Prozent daneben. Besser ist eine kurze Strichliste pro Reihe oder ein Zählrahmen mit markierten Feldern. Auch das Wetter spielt hinein: Nach einem kühlen Frühjahr treiben Beiaugen häufiger aus als sonst. Wer dann nur die Hauptaugen kalkuliert, unterschätzt den Ertrag. Umgekehrt können Spätfröste einen Teil der Hauptaugen zerstören – dann retten die Beiaugen einen Teil der Ernte, zählen aber nicht zur geplanten Last.
Die Faustregel lautet: lieber wenige Augen mit guter Fruchtbarkeit als viele schwache Augen. Zu hohe Augenlast führt zu dichter Traubenzone, kleineren Beeren und höherem Fäulnisdruck. Zu niedrige Augenlast bringt zu große Trauben, die leicht aufplatzen und die Reife verzögern. Kontrollieren Sie nach dem Austrieb: Zählen Sie die tatsächlich ausgetriebenen Fruchtgescheine an einigen Referenzstöcken. Weicht die Zahl stark von Ihrer Planung ab, korrigieren Sie im Folgejahr die Augenlast nach oben oder unten.