Ein weiteres Kriterium ist der Platz um den Baum. Fehlen zwei freie Falllängen in alle Richtungen, wird es eng. Kronen verhaken sich, Äste brechen unkontrolliert heraus, und der Stamm kann auf dem Boden aufsetzen und zurückschlagen. Profis beurteilen nicht nur den Stamm, sondern auch die Umgebung: Wurzeldruck, Hanglage, Leitungen im Boden und die Frage, wohin das Holz tatsächlich fallen kann. Wer diese Analyse überspringt, arbeitet mit Glück statt mit Planung.
Die zweite Gruppe: zweimal blühen, aber mit Vorsicht schneid
Ein Messer oder eine elektrische Schere mit gegenläufigen Klingen quetscht die Triebe. Die Schnittstelle wird nicht glatt durchtrennt, sondern zerfasert. An diesen Stellen dringt Feuchtigkeit ein, Pilze und Bakterien finden ideale Bedingungen. Das Ergebnis sind braune Blattränder, absterbende Zweige und ein ungleichmäßiger Wuchs. Die Handschere mit ihrer Bypass-Klinge schneidet dagegen wie eine scharfe Schere: sauber, gerade und ohne Quetschung. Die Pflanze kann die Wunde besser verschließen und treibt gesünder aus.
Ein häufiger Fehler ist der radikale Rückschnitt aller Triebe auf eine einheitliche Höhe. Johannisbeeren tragen dann im Folgejahr kaum, weil die Blütenknospen an den Enden der vorjährigen Triebe sitzen. Wer den ganzen Strauch „auf Stock setzt”, wartet zwei bis drei Jahre auf eine nennenswerte Ernte. Ebenso falsch ist es, gar nicht zu schneiden: Nach einigen Jahren überwiegt altes Holz, die Beeren werden kleiner, und die Mitte des Strauches verkahlt. Die Kunst liegt im Mittelweg – jedes Jahr ein paar alte Ruten raus, die jungen stehen lassen.
Zuerst weichen immer die Äste, die eindeutig krank, abgestorben oder gebrochen sind. Ebenso entfernt man alle Triebe, die nach innen wachsen, sich kreuzen oder aneinander reiben. Solche Reibungsstellen sind Eintrittspforten für Pilze und Bakterien. Auch sogenannte Wasserreiser – senkrecht nach oben schießende, unverzweigte Triebe – kommen zuerst weg. Sie tragen kaum Früchte und nehmen nur Licht. Ein weiterer Kandidat für den ersten Schnitt: Äste, die steil nach oben wachsen und mit dem Stamm einen spitzen Winkel bilden. Sie brechen später leichter unter der Fruchtlast.
Bei roten und weißen Johannisbeeren gilt dasselbe Prinzip, bei schwarzen ist der Schnitt etwas strenger: Sie reagieren empfindlicher auf altes Holz und danken regelmäßiges Auslichten mit deutlich größeren Früchten. Wer den Strauch im Blick behält und jedes Jahr ein paar alte Ruten entfernt, hat dauerhaft gesunde Pflanzen und volle Ernten.
Beim Schnitt selbst gelten ein paar Regeln. Große Äste nie bündig am Stamm absägen, sondern auf Astring setzen – der Wulst am Stammansatz bleibt stehen. Schwere Äste zuerst von unten einsägen, dann von oben durchtrennen, sonst reißt die Rinde ab. Schnittstellen mit mehr als drei Zentimetern Durchmesser glatt nachschneiden, aber nicht mit Baumwachs verschmieren, das behindert die Wundheilung eher. Die beste Zeit für den Auslichtungsschnitt ist das Spätwinterende, kurz bevor die Knospen schwellen. Ein Sommerschnitt im August bremst das Wachstum zusätzlich, ist aber nur bei sehr stark wachsenden Bäumen sinnvoll.
Ein häufiger Fehler ist, die Schnur nur einmal zu spannen und dann die ganze Hecke in einem Zug zu schneiden. Mit der Zeit sinkt der Schnittpunkt ab, weil man unbemerkt nachgibt. Besser ist es, die Schnur nach jedem Abschnitt kurz nachzuspannen und die Stäbe auf festen Sitz zu prüfen. Ein zweiter typischer Fehler ist ein zu schmaler unterer Bereich: Wird die Hecke oben breiter als unten, bekommt der untere Teil zu wenig Licht und verkahlt. Deshalb sollte die seitliche Schnur unten etwas weiter außen liegen als oben.
Welche Äste bleiben und warum Stehen bleiben alle gesunden, flach abgehenden Leitäste, die die Grundgerüstform tragen. Ein guter Apfelbaum hat drei bis fünf solcher Hauptäste, die möglichst gleichmäßig um den Stamm verteilt sind. Auch kurze, gut verzweigte Fruchttriebe bleiben – daran hängen die Äpfel der nächsten Jahre. Wichtig: Nicht jeder nach innen wachsende Ast ist automatisch schlecht. Einzelne kurze Triebe im Inneren, die genug Licht bekommen, können durchaus Früchte tragen. Wer sie alle entfernt, schneidet ins Leere. Entscheidend ist das Licht: Ein Ast, der im Schatten liegt und keine Blütenknospen ansetzt, hat keine Zukunft.
Nach dem Schnitt wird die Schnur entfernt und die Stäbe werden gezogen. Die Schnittfläche lässt sich mit einem kurzen Blick entlang der Hecke prüfen. Kleine Unebenheiten verschwinden beim nächsten Schnitt, wenn die Führung wieder genauso gespannt wird. Wer die Position der Stäbe mit einem Pflock oder einer Markierung im Boden festhält, spart beim nächsten Mal das erneute Ausrichten und hält die Kante dauerhaft gerade.
So wird geschnitten: alt gegen jung abwägen Zuerst werden alle Ruten entfernt, die älter als drei Jahre sind. Man erkennt sie an der graubraunen, rissigen Rinde und daran, dass sie kaum noch Seitentriebe mit Blütenknospen bilden. Diese alten Ruten schneidet man direkt am Boden ab, ohne kurze Stummel stehen zu lassen. Stummel verfaulen und bieten Schädlingen Unterschlupf. Anschließend bleiben etwa sechs bis acht kräftige, junge Ruten stehen, die gleichmäßig über den Strauch verteilt sind. Alles dazwischen – dünne, nach innen wachsende oder sich kreuzende Triebe – wird ebenfalls entfernt.